Archiv für Kategorie ‘Presse & Medien’

Das kann heute nicht mehr passieren

Stanley Milgram war Psychologe und arbeitete an der Frage, ob Deutsche vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus als besonders autoritätsgläubig zu bezeichnen sind (die „Germans are different“-These).

1961 führte er das sog. Milgram-Experiment durch. Es sah vor, Versuchsteilnehmer in die Rolle von Lehrern zu versetzt, die unter Anleitung von Wissenschaftlern ein Experiment zum Lernerfolg durchführen sollten. Dazu wurden sie aufgefordert einen anderen Teilnehmer vorher auswendig gelernte, sinnfreie Silbenfolgen abzufragen. Bei Fehlern sollten die Lehrer zur Strafe Elektroschocks mit ständig steigender Spannung verteilen. Die im Milgram-Experiment höchste erreichtbare Spannung lag bei 450 Volt.

Was die “Lehrer” nicht wussten, war, das alles um sie herum wie ein Theaterstück inszeniert war. Die “Schüler” waren Schauspieler, die nach einem festen Script Fehler machten und die Schmerzensschreie kamen vom Band. Die weiß-bekittelten Wissenschaftler hielten sich ebenso an feste Vorgaben, und antworteten auf Einwände der “Lehrer” angesichts des schreienden und bettelnden “Schülers” mit fest vorgegebenen Floskeln wie Das Experiment erfordert, dass Sie weitermachen! oder Machen Sie weiter, wir übernehmen die Verantwortung.

Die Erkenntnis: In verschiedensten Versuchsreihen mit z.T. unterschiedlichen Varianten gaben unabhängig von der Nationalität meist 50-90 Prozent der Versuchspersonen die volle Stromstärke von 450 Volt. Kaum einer hörte vor 300 Volt auf. Viele Personen hatten anschließend Gewissensbisse, der Glauben in die Autorität der Weißkittel genügte jedoch in den 60ern um diese während des Experimentes zu übergehen.

Soetwas kann heute nicht mehr passieren. Wir leben in einer aufgeklärten Welt, blinder Glaube an Autoritäten und Instanzen ist einem kritischen Hinterfragen gewichen.

But now for something completely different:

France 2, ein öffentlich-rechtlicher Sender aus Frankreich hat eine neue Spielshow aufgezeichnet. Ein Kandidatenteam wird aus dem Publikum ausgelost und kann richtig viel Geld gewinnen. Dazu muss der eine nur 27 Wortkombinationen auswendig lernen. Der andere fragte dann seinen Partner zu diesen Kombinationen ab und versetzt ihm bei jedem Fehler einen Stromschlag. Mit jedem Fehler stieg die Spannung um 20 Volt bis zu einem Maximum von 480 Volt. Die Moderatoren antworteten auf Einwände der fragenden Kandidaten angesichts des schreienden und bettelnden “Schülers” mit fest vorgegebenen Floskeln wie Sie müssen weiter machen. So ist die Regel. oder Stellen Sie weiterhin die Fragen. Wir übernehmen die volle Verantwortung. oder Sie können Jean-Paul {der befragte Kandidat} nicht daran hindern zu gewinnen. Das Publikum ist einverstanden.

Das Ergebnis: 80 Prozent der Kandidaten haben auf die Taste mit 480 Volt gedrückt.

Die Wiederauflage des Milgram-Experiments brachte das selbe Ergebnis, nur das heute das Fernsehen die gleiche Autorität zugeschrieben wird, wie in den 60ern der Wissenschaft.

Eine erschreckende Erkenntnis, die selbst die beteiligten Psychologen und Fernsehmitarbeiter entsetzt hat. Die Macht des Fernsehens ist so groß, das auf das Zureden des Moderators Leute gewillt sind, andere Menschen vor Publikum auf dem elektrischen Stuhl zu rösten.

Hand aufs Herz: Wer hat sich beim Lesen dieses Artikels nicht gedacht

Ich würde das nicht machen! ?

Ich vermute jeder, genauso wie ich beim Schreiben dieses Beitrags.

Und genau deshalb fand ich diese Passage des diesem Beitrag zugrundeliegenden Artikel auch so erschreckend:

Eine andere Dame, die hingegen bis zu den 480 Volt gegangen war, dankte nach beendetem Spiel und der anschließenden Aufklärung dem Produzenten dieses fragwürdigen Spektakels, Christophe Nick, mit folgenden Worten: “Meine Großeltern sind deportiert worden, und ich verstehe jetzt endlich, was sie erlebt haben, denn ich habe es gerade getan.”

Weiterlesen bei telepolis.

Nachtrag:
France 2 will das Experiment psychologisch aufarbeiten und in einen Themenabend integrieren. Ein Sendetermin steht noch nicht fest.

Realität 2.0

Was haben die Beatles, Lisa Bund, Sean Connery, Christian Möllmann und Madonna gemeinsam? Richtig! Sie sind alle Prominent!

Ähm. Alle? Ja. Alle!

Jedenfalls im RTL-Universum. Denn das Privatsenderkonglomerat der RTL-Group rund um die Sender RTL-RTL2-VOX hat sich in jahrelanger Arbeit endlich das wohlverdiente eigene Spaßuniversum aufgebaut. In eigenen Shows (Deutschland sucht den Superstar, Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!, Big Brother, Popstars usw.) werden Menschen zu Prominenten aufgeblasen, und dann in anderen Sendungen wieder als Prominente eingesetzt. Nach dem Grundsatz “Recycling lebt vom Mitmachen” wurde Lisa Bunt (DSDS, 4. Staffel) als Promi im Dschungelcamp (3.Staffel) weiterverwendet, Christian Möllmann als ehemaliger BigBrother-Bewohner taucht immer wieder in den verschiedensten Sendungen des RTL-Universums auf (Robot Wars, verschiedenste Big Brother Staffeln). Ungezählt bleiben Auftritte von DiY-Promis als Experte/Jury/Ratgeber/Kommentator/Gaststar in den zahlreichen Boulevardsendungen der Gruppe.

Betriebswirtschaftlich eine tolle Sache.
Die Einnahmeseite stimmt: Die Fans bleiben ihren Helden (egal wie sinnfrei das Format ist, Anruf nur 50cent!) und der Senderkette treu (denn die anderen verliert kein Wort über die “Promis”), und treue Zuschauer geben gute Werbequoten.
Ausgaben? Die eigenen Promis kosten kaum was, sind dankbar über jede Erwähnung, kommen nicht mit dem Anwalt, erzeugen durch ihr eigenes Gehampel Medienaufmerksamkeit und sind flexibel einsetzbar (die Quoten sinken? Schickt die Promis, die kosten nichts!).

Über die Jahre ist der Pool an Instant-Promis nun so groß, das das Programm sehr gut ohne andere Highlights auskommen kann. Der Top-Aufmacher der 20.00 Uhr Nachrichten ist wer mit wem bei Big Brother und das Nachmittagsprogramm zeigt Best-of-Gestern und Promis (aus anderen Sendungen) die über die Superstars (aus der laufenden Sendung) reden.

Respekt. Gute Arbeit. Die Investition war gut. Wozu auf dem breiten Markt gegen die Konkurrenz antreten, wenn die gute Marketing-Abteilung einen ganz eigenen Markt erschaffen kann? In diesem Markt gibt es keine Konkurrenz-Berichterstattung, kein Preisdruck, kein Qualitätsvergleich. Es besteht für die Zuschauer kein Grund mehr woanders hinzuschalten, denn dann würden sie ja die neuste Entwicklung auf dem Promi-Markt verpassen. Und wer Superstar wird und wer sich zum Affen macht, muss man gesehen haben, denn es geht ja nicht um irgendwen, sondern um Prominente. Oder?

Und wer wissen will, wie der Analyst Bohlen Kandidaten wie Wertpapiere mit garantiertem Crash bespricht, kann hier weiterlesen.

Fragen der Schuld

Jeder kennt das, vor einem im Bus packt morgens jemand die BILD aus und den Rest der Fahrt verbringt man damit, unauffällig schwarz zu lesen. Die riesen Schlagzeilen machen es einem auch wirklich nicht schwer und so bekommt man noch vor dem Wachwerden schon seine Packung Kulturpessimismus.

Glauben BILD-Leser was sie lesen? Bei Lesern der Weekly World News kenn ich die Antwort, aber BILD ist nicht unterhaltsam genug um sie trotz offensichtlich kreativem Umgang mit der Realität zu lesen.

Wann haben die BILD-Journalisten ihre Berufsideale aufgegeben?

Ich meine, welche Vorbilder haben Jugendliche, die anfangen Journalismus zu studieren und sich als Volontäre verdingen: Rudolf Augstein oder doch eher Kai Diekmann ? Wer sieht es als sein Lebensziel an BILD-Journalist zu werden?

Was für eine Sicht der Dinge bekommt man, wenn BILD und RTL-Nachrichten das Weltbild bilden?

Das macht einem Angst. Wie singen die Die Ärzte * so treffend:

Lass die Leute reden und lächle einfach mild
Die meisten Leute haben ihre Bildung aus der BILD
Und die besteht nun mal, wer wüsste das nicht
Aus Angst, Hass, Titten und dem Wetterbericht

BILD bildet Meinungen. Leider. Denn damit sind Dinge schnell mal keine Stilblüte mehr, sondern offenbaren tiefe Einblicke in die Weltanschauung der Schreiberlinge und ihrer Botschaften.

BILDblog hat den BILD-Artikel zum Welt-Aidstag aufmerksam gelesen und die interessante Passage gefunden:

Homosexuelle Männer und Drogenanhängige sind besonders gefährdet, aber leider auch Unschuldige. Unter den 63 500 Infizierten sind aber auch etwa 400 Kinder, die HIV über ihre Mutter bekommen haben.

Auch wenn die Redaktion das ganze mittlerweile revidiert hat: Welch eine Einstellung gehört dazu so etwas zu schreiben? Schwule und Junkies sind also Schuldige? Aids als Gottes Strafe? Homosexualität als strafwürdige Handlung?

Finster.

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